13x Tuttifrutti
Bis einschließlich letzten Sonntag hielt mich diese gesamte Rattenbande gut auf Trab.

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Zuerst mußten alle entmilbt werden. Aber nach einmal Frontline und zweimal Stronghold waren drei Wochen um und sicher keine lebende Milbe mehr am Tier.
Alle Weibchen niesten, aber wegen einer möglichen Schwangerschaft fiel Baytril als Allheilmittel aus.
Also wurden sie homöopatisch gedopt, mit Vitaminen, Obst, Gemüse und Babybreichen gepäppelt und an gutes Rattenfutter gewöhnt. Zuletzt bekam jede noch zwei Spritzen Zylexis, ein starkes Immunstimulans.
Ich hatte noch selten solch dankbare Wesen erlebt. Von Anfang an konnte ich in das Schlafnest fassen, sie waren total zutraulich und anhänglich. Sobald ich das Zimmer betrat, hingen sie am Gitter. Nicht eine fehlte. Und dann klebten sie an mir.
Nach ungefähr einer Woche kehrten auch ihre Lebensgeister zurück. Sie fingen an miteinander zu spielen und herum zu tollen.
Und ich habe noch nie eine Gruppe Ratten erlebt, noch dazu in der Größe, die so harmonisch zusammen lebt.
Kein Gezicke und Gezanke. Wahre Anfängertiere.
Es war ein bunter Haufen, alle Farben, auch einige Sonderfarben dabei. Daher nannte ich sie einfach Tuttifrutti.
Nach und nach durften inzwischen alle in ihr neues Zuhause umziehen.
Bei aller Arbeit und allen Sorgen, wie etwa, ob doch noch Babies kommen, ob die Atemwegsinektionen schlimmer werden, ob die anfänglichen Verdauungsstörungen nach der Umstellung auf Normalfutter pathogen sind, ich war froh, daß diese Schätze hier waren.
Hoffentlich werden sie in ihrem neuen Zuhause auch lange bei voller Gesundheit solche Sonnenscheinchen bleiben.
Opa Fuß
Als ich ihn das erste Mal sah, lag er beim Tierarzt in einem Transportkäfig auf einer verdreckten Porzellanschale, diese aber dafür mit Goldrand, in seinen eigenen Exkrementen. Ein Bild wie aus einem schlechten Film. Das ehemals weiße Fell schütter und uringelb verklebt. Dünn, dürr, eingefallen, ausgetrocknet. Zu schwach um aufzustehen. Voller Wunden am Körper. Einem Ballengeschwür und zwei geschwollenen, bereits blau verfärbten Beinchen.
Der erste Gedanke war: Wir müssen ihn erlösen.
Aber dann nahm ich ihn hoch. Er drückte sich an mich.
Sollten wir dieser armen gequälten Kreatur nicht noch eine Chance geben? Wenigstens ein paar Tage die Schmerzen nehmen, ihn von den Parasiten befreien, mit Leckereien verwöhnen? Vielleicht würde er sich ja erholen? Der Tierarzt stimmte zu, einen Versuch war es wert.
Wir nahmen eine Kotprobe.
Gegen die Milben bekam er Frontline und dann ebenfalls Stronghold.
Gegen die Infektion im Bein Baytril.
Gegen eventuelle Schmerzen Metacam.
Aus einer Elendsgestalt wurde innerhalb weniger Tage ein freundlicher, hübscher älterer Herr. Er richtete sich in seiner Seniorenresidenz schnell häuslich ein.
Am ersten Tag wußte er mit der Toilettenschale noch nichts anzufangen. Er legte einen seiner anfangs wirklich übelriechenden Köttel hinein, packte dann ganz viel Küchenpapier darüber und legte sich darauf zum schlafen.
Aber bereits am anderen Tag hatte er das Prinzip verstanden. Er hatte seine Kuschelhöle, nutzte die Toilettenschale. Sobald der Sahnetopf mit den Medikamenten leer geschleckt war, drehte er ihn jedesmal auf den Kopf. Ein alter Herr entwickelt eben seine manchmal liebenswürdigen Eigenheiten.
Die Blauverfärbung der Schwellung am Bein verschwand. Er nahm zu. Kam sofort zu mir am Gitter hoch, sobald ich das Zimmer betrat. Er schien keine Schmerzen an den Füßen zu haben, kletterte mit beiden Hinterbeinen am Gitter hoch, sprang auch auf den Hinterbeinchen herum. Der Ballenabszeß schloß sich, auch die Haut wurde schön und glatt. Der Kot wurde fester und der Gestank ließ merklich nach.
Leider verschwand die Schwellung an den Hinterbeinen nicht. Es war zwar nicht mehr so prall, die Blaufärbung war völlig verschwunden, d.h. die Entzündung war abgeklungen.
In der Zwischenzeit hatte ich im Internet viel recherchiert. Und immer wieder fiel der Begriff “Osteosarkom”.
Mit keinem sehr guten Gefühl machte ich mich nach Abschluß der Antibiotika-Behandlung auf den Weg in die Tierklinik.
Sorgenvolle Blicke. Nur eine Röntgenaufnahme der Beine und vom Thorax würde Klarheit bringen.
Der Tierarzt bereitete das Röntgen vor. Einige Minuten war ich mit Fussili, wie ich ihn nannte, noch alleine. Er hatte jedoch so gar keine Zeit für mich. Wollte wieder in seine Box. Packte dort alle Kackelboller in eine Ecke. Rollte sorgfältig sein Handtuch darüber. Setzte sich hinter die Rolle und putzte sich ausgiebig. So als ob er noch seine Sachen ordnen wollte.
Dann kam die kurze Inhalationsnarkose nachdem er zuvor abgehört worden war. Er wurde rausgetragen.
Warten. Hoffen. eine Ahnung, Bauchgefühl.
Plötzlich ging die Türe auf. Der Tierarzt kam mit ihm in den Händen zurück. Was hatte er da eben gesagt?
“Er ist mir weggeblieben?” Ich verstand nichts und verstand doch sofort.
Er hatte bereits ruhig schlafend auf dem Röntgentisch gelegen, als er plötzlich aufhörte zu atmen. Die Ärzte haben alles versucht um ihn zurückzuholen. Vergeblich. Er war eingeschlafen. Entschlafen.
Dann sahen wir uns die Röntgenaufnahmen an: Der rechte Fuß hatte keine Verbindung mehr zum Unterschenkel. Das Knochengewebe war aufgelöst und total versprengt. Die Lunge war nahezu völlig verschlossen durch Tumormasse.
Fussili hatte es richtig gemacht. Er hat uns die Entscheidung abgenommen. Nach einem kurzen und schmerzlosen Abschied ist er gegangen. Eingeschlafen für immer.
Heute noch, Wochen später, kommen mir bei dem Gedanken an ihn die Tränen. Manche haben einfach ihren Platz im Herzen sofort und für lange Zeit eingenommen. Unabhängig von der Länge der Zeit, die man sie kennen durfte.
Wenigstens hatte er noch 12 schmerzfreie Tage.
Wie viele Ratten wie Opa Fuß mag es noch geben? Mit einem ähnlichen besch….. Leben? Wieviele verenden einfach unbemerkt?
Alter Mann, es war schön, Dich kennengelernt haben zu dürfen.

weitere Fotos, auch vom Fuß, hier: KLICK